'Und es begab sich daß Karlak der Bettler, der von allen Menschen ob seiner Armut und seiner Dummheit verachtet wurde auf einer seiner Wanderungen von Dorf zu Dorf am Wegesrand einen Weisen sitzen sah…'

Karlak der Bettler dessen Leben in Unwürde seinem scheinbar gewissen Endpunkt zuzustreben scheint, weil es in die Kälte der Ungeliebtheit und Verachtung getaucht ist, sieht sich urplötzlich einer Begegnung gegenübergestellt, die ein Licht in ihm aufglimmen läßt dessen Quelle ihm mysteriös erscheint, dessen Haltspendendes ihm jedoch die Kraft zu geben scheint alle gegenwärtigen und noch kommenden Dunkelheiten seines Lebens zu überdauern. Dieses Licht der Hoffnung in ihm scheint auszugehen von dem geheimnisvollen ‘Weisen am Wegesrande', dem er begegnet.

Die Begegnung nimmt einen rätselhaften Verlauf und die Existenz jenes Weisen wird bald in Frage gestellt. Doch erstaunlicherweise scheint das nicht das in Karlak aufgeglommene Licht der Hoffnung zu betreffen. Als die Existenz des Weisen wieder gesichert scheint bricht Karlak auf und er gerät in einen Wirrwarr zwischen Traum und Realität, der weder für den Leser noch ihn selbst genau einzuordnen ist. Denn der Leser selbst wird in die Erzählung einbezogen, entdeckt Parallelitäten zwischen seinem und Karlaks Innerem im Verlaufe der Erzählung.

Schließlich erwacht Karlak vor einer fremden Stadt und wird von der ihn peinigenden Realität wieder in Bann gezogen. Doch es ist nun ein Widerstehendes, Trotzendes in ihm, daß dieser Welt entschieden Widerstand leistet. Bald wird ihm die Gnade in Form einer reinen guten Tat zuteil, einer Tat an die er nicht mehr geglaubt hat. Sie wird zum Zündfunken seiner inneren Befreiung, denn er erzählt seiner Wohltäterin sein zurückliegendes Leben. In diesem Erzählen aber liegt eine tiefenheilende Kraft, denn der Vorgang des Erzählens nötigt ihn dazu seine Vergangenheit neu zu durchleuchten. Schicht auf Schicht seiner Erinnerung legt er frei und von Mal zu Mal sieht er die vergangenen Ereignisse unter einem tieferen Aspekt. Das Kartenhaus seiner unter dem Drucke der Welt verfälschten Innerlichkeit bricht zusammen und er verändert sich im Fortgange seiner Erzählung. Wohin seine Veränderung ihn tragen wird ist für ihn selbst und den Leser unklar, ebenso wie Karlaks unauflösbar scheinender Konflikt mit der Welt seinen Ausgleich finden soll. Es scheint, als führe kein Weg heraus aus dem Hades von Karlaks Seele, als müsse Karlak verloren sein, gleich was auch immer er versuche oder anstrebe. Es deutet sich jedoch parallel zu der düsteren Atmosphärik der Verlorenheit ein Weg aus eben dieser Verlorenheit an. Doch diese sich andeutende Spur ist eine Spur, die nur für den feinsinnigen Leser erkennbar ist, für denjenigen, welcher über den Anschein hinauszusehen vermag. Diesem Leser offenbart sich auch der Fortschritt den Karlaks Seele macht, offenbart sich gar welchem Ziele er entgegenstrebt.

Die Geschichte besitzt mehrere Ebenen des Interesses, von denen Karlaks Geschichte eine ist. Die anderen Ebenen sind fühlbar für den Leser, und je klarer spürbar sie sind, desto mehr fühlt er sich vom Buche angesprochen. Erscheinen die Rätsel des Buches, die verborgen oder offen in der Geschichte gestellten Fragen, in ihm so sieht er sich genötigt sie nachdenkend selbst zu beantworten. Beantwortet er diese Fragen in sich selbst, so stellt ihm das Buch seine Antworten entgegen oder zur Seite. Verborgen will es ihn so zu Antworten leiten, nicht mittels bloßer Nennung dieser Antworten, sondern durch Hinführung zur Wahrheit dieser Antworten. So wird Karlaks Geschichte für den Leser selbst wichtig, für sein Inneres, weil genau jener Teil in ihm, der so ist wie Karlak sich vor die Landschaft der Geschichte gestellt sieht, vor die darin dargestellte Problematik…

Karlaks Geschichte bleibt geheimnisvoll und ungewiss bis zu ihrem Abschluß und sie zeigt auf daß die Wahrheit von einem Menschen nur schwer erfasst werden kann und nur dann wenn er sich um sie bemüht… so ist diese Geschichte auch ein Gradmesser für die Wahrhaftigkeit des Lesers selbst.


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Autor
Sandy Jud

Michael Oelze









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Leseprobe

XV Flucht

Sie hetzten ihn, verfolgten ihn, irgendwo dort im Dunkel hinter ihm lauernd, in das er sich nicht zurückzuschauen traute. Er wußte, daß dieses Dunkel dort war, und das kalte Entsetzen packte ihn, wenn er nur daran dachte was darin, ungesehen von seinen schreckensgeweiteten Augen, lauern mochte. Er lief so schnell er konnte. Und doch hatte er den Eindruck sich wie in Zeitlupe zu bewegen. Nein, alles um ihn schien sich im Zeitlupentempo zu bewegen. Schien sich ihm in gnadenlosen Momentaufnahmen der Wirklichkeit in sein, von der Furcht in wirren Gedankenstrudeln, denkendes Gehirn einzuhämmern: Moment für Moment, Aufnahme auf Aufnahme eines sich ins Unendliche erstreckenden Alptraumes. Das Entsetzen kam von hinter ihm. Doch es kroch, wie er durch das am Rande seines Gesichtsfeldes dunkler werdende Dämmerlicht sehen konnte weiter nach vorn, die Helligkeit vor ihm fressend, immerzu nach ihm greifend, wie die in jener Dunkelheit Verborgenen, ihn Jagenden. Er lief und lief, in hellster Panik, immerzu angstvoll zur Seite spähend, ob die entsetzliche dunkle Aura ihm folgte oder ob er sie hinter sich lassend sich endlich unter strahlenden Himmeln, vor seinen Verfolgern momentan sicher, ausruhen konnte. Doch jene Dunkelheit schien ihm zu folgen, schien an ihm zu haften, so als er ob sie mit sich führe. Schon glaubte er entsetzliche Geräusche von hinter sich zu vernehmen, für sein Gehör dem Gebrüll wütender Verfolger gleichend, die wie er abgehetzt, aber schon voller Hoffnung waren ihn zu Boden werfend zu überwältigen. Die Angst vor diesem zu-Boden-geworfen-sein ließ ihn noch schneller laufen und er spürte eine neue, ungeahnte Kraft die ihn antrieb, trotz seiner körperlichen Schwäche, die wollte, daß er sich sogleich auf den Boden setzend aufgab. Er strauchelte und war für einen winzigen Moment in der Schwebe zwischen Leben und Tod. Wenn er jetzt fiel war er verloren. Das schien ihm sicher, also durfte er nicht fallen – und er fiel nicht, sondern taumelte nur, gleich einem Tänzer, der in seiner letzten Lebensminute sich zum Tanze erhebend dem Tode noch einmal mittels ekstatischer Bewegungen seiner Füsse entrinnen will. Die unverhofft in ihm aufgetauchte Kraft erfuhr durch sein ungewolltes Tänzeln Verstärkung, wurde gleichwie übermütig, wollte tänzeln um des Tanzes willen, um dem Tode zu spotten. Doch als seine ihn vorwärtstragenden Beine dergleichen Bewegungen vollführen wollten, verfing er sich mit dem einen Bein unglücklich am anderen, und begann zu fallen. Die über ihn hereinbrechende Panikwelle verlangsamte die Zeit um ihn herum bis zum fast völligen Stillstand. Er sah einen von dunklen Nebeln verhüllten Boden, offenbar derselbe auf dem er sich die ganze Zeit rennend fortbewegt hatte, auf sich zustürzen und durchlebte sein in Form dieses Anblickes erbarmungslos näherkommendes Ende wohl an die tausend Mal. Er schien jenen Boden nie zu erreichen, ja es schien so, als wäre es jenem seltsamen, nebelverhangenen, dunklen Boden eine Freude ihn auf diese Art zu quälen. …


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Karlak der Bettler

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Roman, Fachbuch



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Von der freiwilligen Buttlerschaft
Michael Oelze
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ISBN: 3-938623-60-8
Buch:  437 Seiten
Preis: 
inkl. MwSt 
13,40€